Funkstern Plus

Funkstern Plus

Parallel zum Design von Musikinstrumenten und Bausätzen, Workshops und Konzerten habe ich in den letzten Jahren Aufträge für Museen, KünstlerInnen und Ensembles realisiert. So zum Beispiel automatische Vorhänge für die Ausstellung Magic Machines (Netzwerk Medienkunst in den Technischen Sammlungen Dresden), Bodenmikrofone für Patterns of Paradyze (Festspielhaus Hellerau) oder die Technik für die autarke Outdoor-Soundinstallation Paradiesplatz – Das Innere. Sie alle entstanden im Jahr 2022.
Hier gibt es nun Einblicke in die Entwicklung des Radiokunstobjekts Funkstern Plus, welches vom Rundfunkorchestra (damals noch bauhaus.fm-Rundfunkorchester) in Auftrag gegeben wurde.

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Im Herbst '21 standen in Sachsen alle Zeichen in Richtung eines weiteren Corona Lockdowns. In jenen wenig verheißungsvollen Tagen war ich zu einer kleinen Residency im Medienkulturzentrum Dresden eingeladen. Zu dieser Zeit fragte mich Konrad Behr, Mitglied des Rundfunkorchestras, ob ich bei der Gestaltung eines Museumsstücks helfen könnte. Das Ensemble hatte für seine einzigartigen Live-Performances mit Soundcollagen aus Radiomaterial den "Born To Be Bauhaus"-Preis der Bauhaus-Universität Weimar gewonnen. Als Teil des Preises wiederum sollte ein Kunstwerk an die Sammlung "Archiv der Moderne" der Universität übergeben werden.
Aus der ursprünglich simplen Idee eines UKW-Senders, der Klänge der Orchestermitglieder in das Nahfeldradio einspeist, entwickelten wir gemeinsam eine modulare Konstruktion mit erweiterten Möglichkeiten. Herzstück des Systems ist ein 7-Kanal-Stereomixer mit direkter FM-Übertragung über die eingebaute Antenne.
Das Konzept der Modularität bietet darüber hinaus die Möglichkeit, es in verschiedenen Konstellationen für die Live-Auftritte des Orchesters zu nutzen. So kann das Publikum über ihre eigenen Smartphones oder im Raum aufgestellte Radios den gespielten Klängen folgen. Für das Museumsobjekt haben wir Module mit Audio-Playern und einem Synthesizer mit Lichtsensoren entwickelt, die ebenso als Instrumente für die Live-Auftritte genutzt werden können. Hier ein paar technische Details:

Radiobasis:

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  • Mischpult mit 7 regelbaren Stereo-Eingangskanälen.
  • Es können entweder eine Stereo- oder zwei Mono-Klinkenbuchsen (6,35mm) angeschlossen werden.
  • Kanal 1 kann für Abhör- oder Aufnahmezwecke auf Ausgang geschaltet werden.
  • Regelbare Master-Lautstärke mit 7-Segment LED-Anzeige.
  • Die Summe wird an den FM-Transmitter weitergeleitet. Dieser sendet direkt über die Antenne in den Raum.
  • Gebaut mit dem Adafruit Si4713 Breakout Board und einem Teensy LC als Controller.
  • Die Sendeleistung ist bis zu 50nW regelbar und reicht für ca 10m.
  • RDS Radiokennung
  • FM Frequenz kann per Software geändert werden
  • Stromversorgung über 5V USB

Player Module:

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  • Direkt mit dem Mixer über 6,35mm Klinkenstecker verbunden.
  • 7-Segment LED-Anzeige
  • Spielt endlos Audio von der Micro SD Karte ab
  • Aufgebaut mit Teensy 4.0 und Teensy-Audio-Adapter
  • Stromversorgung über einen Link zum Basismodul
  • Auch Stand-Alone nutzbar, wenn direkt am Teensy Micro-USB-Anschluss angeschlossen

Synth-Modul:

  • Technisch nahezu identisch mit dem Player-Modul
  • 3 zusätzliche lichtabhängige Widerstände (LDRs) als Sensoren.
  • Verschiedene Synths können programmiert werden
  • Wir haben uns für einen FM-Synth mit Sinuswellen entschieden.
  • Töne werden dann nur erzeugt, wenn sich die Lichtmenge in der Nähe des Synthesizers ändert.
  • Das Modul kalibriert sich ständig durch eine Software-Routine. Lichtschwankungen über einen längeren Zeitraum (z.B. Tag und Nacht oder aufziehende Wolken) haben keinen Einfluss.

Da die gleichmäßige Anordnung von 7 Modulen in einem Kreis einen sehr ungeraden Winkel ergibt (360° / 7 = 51,42857°), war die Konstruktion mit meinem bevorzugten PCB-Editor KiCAD nicht direkt möglich. Also mussten alle Leiterplattendesigns von Hand in Inkscape gezeichnet und später mit dem (großartigen) Plugin SVG2Shenzhen exportiert werden.

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Nach einigen Wochen und Monaten der Planung, Konstruktion und Herstellung war der Funkstern plus geboren.

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Aus unterschiedlichsten Gründen, die alle im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie standen, wurde die Abschlussausstellung der Residenz im Medienkulturzentrum dreimal verschoben. Das wiederum ergab zur Finissage Ende März '22 die Möglichkeit, das mittlerweile fertig gestellte Objekt mit einem Konzert erstmalig zu präsentieren.
An jenem Abend erschuf das Rundfunkorchestra eine konzentrierte, magische Atmosphäre. Im Raum verteilte Radios spielten funkelnde Sounds und es gab einen Live-Jam (NINJAM) mit einem Orchester-Mitglied in Ankara /Türkei. Ein weiterer Teil des Settings waren raumfüllende Video-Projektionen, sowie das Bespielen einer Pianosaiten-Installation mit Geigen-Bögen durch KünstlerInnen des Orchesters. Das, über eine gesamte Wand gespannte Instrument, war Teil der Ausstellung Echoes, welches jedoch eine komplett andere Geschichte ist... (Teaser @youtube).


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Seither hat das Orchester schon einige Konzerte mit dem Funkstern Plus gespielt - z.B. hier im Sptember '22 zur Radio Art Zone in Esch /Luxemburg.



Update 11/23: Nach einer sehr spontanen Bewerbung hat das Rundfunkorchestra und noisio den Sächsischen Stastspreis 2023 in der Kategorie Digital Design für den Funkstern Plus in der Kategorie Digital Design verliehen bekommen. WHOA!!
Designpreis Sachsen